Übergabe des 1. Aarauer Kulturpreises an Urs Heller durch den Stadtammann Dr. Marcel Guignard am 10.09.05 im Theater Tuchlaube

 

 

„Darauf warte ich zugegebenermassen schon lange: Dass Urs Heller für seine einzigartigen kulturellen und kulturpolitischen Verdienste im Kanton Aargau öffentlich gewürdigt wird. Was ich nicht erwartet habe: Dass dafür gleich ein neuer Preis geschaffen werden musste.“
Das schreibt Guy Kretna in der jüngsten Ausgabe des „Q“, der „Zeitung Aarauer Kultur“ in einem wunderschönen Text zur heutigen Kulturpreis Verleihung.
Guy Kretna war von 1996 bis 1999 mit Urs Heller Co-Leiter des Theaters Tuchlaube und so freut es die Kulturpreis verleihende Einwohnergemeinde und Ortsgemeinde Aarau gar doppelt und dreifach, wenn einer, der Urs Heller durch und durch kennt; einer, der so eng mit ihm zusammen gearbeitet hat, sich nun so herzlich über diese Preisverleihung freut.
Ich muss aber auch gestehen, dass Guy Kretna – im Ansatz – irgendwie Recht hat...

Wir mussten für Urs Heller nicht gerade „einen neuen Preis schaffen“, aber wir – die vom Stadtrat beauftragte Kulturpreis Kommission – hat sich über das Ansinnen, Urs Heller den 1. Aarauer Kulturpreis zu verleihen; ihm damit ehrliche Wertschätzung und nachhaltige Dankbarkeit für sein engagiertes Wirken als Co-Leiter des Theaters Tuchlaube auszudrücken, lange und ausführlich unterhalten:

 

  • Wird er diesen Preis überhaupt annehmen?
    Er, Urs Heller, der Bescheidene – dem Ruhm und Ehr’ und Geld niemals sonderlich viel zu bedeuten schienen...
  • Wird er sich an einer Kulturpreis Verleihung überhaupt öffentlich würdigen lassen?
    Er, Urs Heller, der Teamgeist – der lieber andere, als sich selbst, in den Mittelpunkt stellt...
  • Wird er überhaupt von „seiner Alp herunter steigen“?
    Er, Urs Heller, der Zurückgezogene – der den Sommer am liebsten unter Vierbeinern auf der Alp verbringt...

 

Nun, Urs Heller ist zu uns Zweibeinern nach Aarau „herunter gestiegen“.

Und ich denke nicht, dass die soeben von Franz Hohler vorgetragene Laudatio – so herzlich und freundschaftlich, so wahr und gebührend, wie sie denn war - „ein geduldiges Ertragen“ für Urs Heller war.
Und gleich wird er, Urs Heller - der Bescheidene, der Teamgeist, der Zurückgezogene - den Kulturpreis auch annehmen.
Und darüber freuen wir uns alle sehr; scheint doch das Ansinnen der Kulturpreis Kommission, Urs Heller mit der Verleihung des 1. Aarauer Kulturpreises ehrliche Wertschätzung und nachhaltige Dankbarkeit für sein engagiertes Wirken als Co-Leiter des Theaters Tuchlaube auszudrücken, wie gemeint aufgenommen und angekommen zu sein.

 

Ich habe nun die Ehre, Urs Heller den 1. Aarauer Kulturpreis überreichen zu dürfen.
Ich bitte ihn hierzu auf die Bühne.
Lieber Urs Heller
Nicht Pokal oder Medaille und nicht Kranz oder Lorbeeren; auch nicht einen „Bsetzi-Stein“ aus der Aarauer Altstadt oder einen Stadtadler aus Messing oder Trompetengold...
Nein, ein Schild, ein gutes, solides, unverwüstliches Email-Blechschild – beschriftet, wie auf der Einladungskarte; und gelocht, wie ebenda.
Schrauben Sie es doch an Ihre Hausfassade oder an die Stubentüre, in den Geissenstall oder an die Kellerwand.
Bringen Sie es einfach dort an, wo es sie freuen wird.
Auf dass es Sie fortan an Ihre guten Jahre in Aarau, Ihre solide Kulturarbeit und die unverwüstliche Sympathie und Wertschätzung, die Ihnen unsere Stadt entgegen bringt, erinnern möge.
Ich gratuliere Ihnen im Namen der Einwohnergemeinde und der Ortsbürgergemeinde, im Namen der Bevölkerung und des Stadtrates von Aarau ganz herzlich zum 1. Aarauer Kulturpreis.

Stadtammmann Dr. Marcel Guignard

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Laudatio für Urs Heller von Franz Hohler am 10.09.05 im Theater Tuchlaube

In meinem Archiv, in dem ich die gesamte Korrespondenz über meine Tätigkeit als Schriftsteller und als auftretender Kulturnomade aufbewahre, habe ich den ersten Brief des Kellertheaters Aarau gefunden, dessen 40jähriges Jubiläum wir ja dieses Jahr auch feiern. Er hat mich, und das betrachte ich als gutes Eröffnungssignal, per Boten erreicht und beginnt folgendermassen:

„Sehr geehrter Herr Hohler,
Da wir Ihre Adresse nicht kennen, geben wir diesen Brief Ueli Däster mit.“

Das ist eine phantasievolle Lösung; kein Zufall, dass Ueli Däster noch heute eine verlässliche Grösse in der Aargauer Kulturvermittlung darstellt, und kein Zufall, dass hier einer agiert, der das Delegieren gewohnt ist, es war Dr.Hans Trautweiler, Oberstdivisionär im Generalstab und damaliger Präsident der Theatergemeinde Aarau. Unberechenbar und widerspruchsvoll ist sie, die Kulturszene, gerade in einer Kleinstadt wie Aarau, kaum entstehen in den 60er-Jahren überall die Kellertheater als Nischen der Subkultur und Gegenwelten, in denen die Schweiz mit dem Gedankengut der Rive gauche unterspült wird, wo Sartre, Ionesco und Brassens gespielt und gesungen werden, werden sie in Aarau von einem Oberstdivisionär unter Kontrolle gebracht.

Der Brief ging weiter: „Die Theatergemeinde Aarau beabsichtigt, für die nächste Saison in Aarau ein Kellertheater zu eröffnen.
Hätten Sie Interesse daran, bei uns aufzutreten?“
Natürlich hatte ich Interesse daran, ich teilte dies Herrn Trautweiler auch mit, ohne Ueli Däster erneut als Meldeläufer in Anspruch zu nehmen, und erhielt dann folgende Offerte:
„Wir schlagen Ihnen vor, auf eigene Rechnung zu kommen, wobei wir Ihnen das Theater mit ca. 100 Plätzen zur Verfügung stellen.“
Und jetzt kommt ein Satz aus einer anderen Zeit:
„Die Platzpreise von Fr. 5.- und 7.- betrachten wir als angemessen für Aarau.“
Was immer das heisst (Haben die Aarauer kein Geld oder wollen sie kein Geld für Kultur ausgeben oder darf Kultur nichts kosten?), die Folgen werden auf den Künstler umgewälzt:
„Für die Propaganda müssten Sie selbst aufkommen. Als Miete haben wir gesamthaft Fr.150.- pro Abend, oder aber 35% von den Bruttoeinnahmen, im Minimum Fr.100.- pro Abend vorgesehen.“

Ich sehe Urs Heller lachen. Er hätte keinen einzigen Künstler zu diesen Bedingungen nach Aarau gelockt.

Ich habe dann den Kampf mit dem Oberstdivisionär aufgenommen und das Kellerunternehmen auf Fr.60.- heruntergehandelt und bin in dessen 1.Saison 65/66 an der Rathausgasse mit meinem Programm „pizzicato“ aufgetreten, Schüler und Studenten hatten ermässigte Eintritte zu Fr. 3.- und Fr.5.-.

Seither bin ich immer wieder nach Aarau gekommen, um die Früchte meiner Arbeit zu präsentieren, das Kellertehater an der Rathausgasse nannte sich schon bald Innerstadtbühne und wurde von Anton Krättli geleitet. Es war eine ziemlich lose organisierte Gruppe, die sich sozusagen selbst erfinden musste. Im Verlauf der Jahre bilden sich ja auch verschiedene Kreise um solche Kulturinitiativen, ich erinnere mich an eine Einladung zu einer Party nach einer Vorstellung bei Blanche Schwarm, dort gab es ein herrliches Käsebuffet, ich unterhielt mich mit allen möglichen Leuten, ass dabei ein Stück Käse, wie ich es noch nie gegessen hatte, unglaublich weich und süsslich-sanft im Geschmack, fragte nachher, was das für ein traumhafter Käse gewesen sei, der einem auf der Zunge zergehe, und erfuhr: es war Butter. Essen Sie einmal Butter in der Annahme, es sei Käse, und Sie werden staunen über dieses Geschmackswunder.

Ja, und dann kam der Umzug vom Keller in die oberen Stockwerke der Tuchlaube, damit wurde es irgendwie ernst, es kam der Wechsel von einem Unterkraftwerk der Theatergemeinde zu einer eigenen Power Station mit einer festen Leitung, es kam Peter Schweiger, er war das ziemliche Gegenteil eines Oberstdivisionärs, der versuchte, einen Ensemblebetrieb einzurichten, und erst noch einen mit einem Mitbestimmungsmodell, dann kam es zu einer der gefürchteten Volksabstimmungen über Kultur, in der es um eine dauerhafte Subventionierung dieses Ensemblebetriebs ging, es stand also wieder die Frage da: Wieviel Geld ist angemessen für Aarau? Die Abstimmung ging verloren, nicht aber die Spielstätte, die man nun in „Theater Tuchlaube“ umbenannte und die wieder von einem Verein getragen wurde, der sich selbst erfinden musste, Szenaario nannte er sich, mit zwei demonstrativen a‘s, Rolf Bürli präsidierte ihn, Hans Suter war der erste Leiter, und irgendeinmal stand dann, wenn man sein Material im engen Hinterhof auslud und mit dem Lift hochfuhr, Urs Heller unter der Tür zum Theater und empfing einen wie der Senn den Käser, der antritt, Butter zu machen und ihn als Käse zu verkaufen, denn darum geht es eigentlich im ganzen Kleintheaterbetrieb.

Dieses jahrelange Bemühen, dieser kontinuierliche Kampf von so und soviel Freiwilligen um ein kleines Stück Kultur, ein Kulturpromille sozusagen, hat für mich etwas Rührendes, mehr, etwas Berührendes, er mag Ihnen auch zeigen, wie wenig selbstverständlich dieses Theater an der Altstadtkurve ist, und ich habe auch deshalb etwas weiter ausgeholt, um die Leistung des ersten Aarauer Kulturpreisträgers zu würdigen. 

Denn es war Urs Heller, dem das Kunststück gelang, aus dieser Geschichte von Provisorien etwas zu machen, mit dem man definitiv rechnen konnte. Und wie gelang ihm dies?

Er suchte sofort den Kontakt zu den Aarauer Kulturschaffenden, von Klaus Merz über Christian Haller und Roger Lille zu Claudia Storz, von Hans-Rudolf Twerenbold und Ruedi Häusermann zu Mark Wetter, von zamt & zunder über Jörg Bohn zum Theater Marie, und versuchte mit Beharrlichkeit und Konstanz, Eigenproduktionen zum Leben zu erwecken, regionale Erzeugnisse also, die ihr Publikum auch in der Region suchten, aber von der Qualität her überhaupt nicht an die Region gebunden waren. Er erkannte die Wichtigkeit der Vernetzung mit anderen KMU‘s, also mit anderen kulturellen mittleren Unternehmen, und konnte in Zusammenarbeit vor allem mit dem Theater an der Winkelwiese in Zürich und mit dem Schlachthof Bern, Koproduktionen auf die Beine stellen, welche eigentlich erst durch die Möglichkeit, damit verschiedene Theater in verschiedenen Städten zu bespielen, wirtschaftlich tragbar wurden. Immerhin übernahm er die Leitung des Theaters Tuchlaube zur einer Zeit, als in Baden das claque-Ensemble aufgelöst wurde. Er wusste, dass zum Überleben des Theaters in der Kleinstadt neue Strategien, neue Listen gefragt waren. Das sogenannte freie Theater hatte den grossen Anfangsschwung schon hinter sich, es galt, auf irgendeine Weise den Anschluss an die festen Institutionen zu finden, ohne die Freiheit einzubüssen - ein Kunststück also, nicht mehr und nicht weniger. Seine Spielpläne waren denn auch nicht vom Gängigen dominiert, sondern von dem, was seine Autoren und Autorinnen zur Zeit zu sagen hatten. Dass es ihm damit gelungen ist, ein Publikum anzuziehen, spricht nicht nur für die Lebendigkeit seines Programms, sondern es spricht auch für das Aarauer Publikum, also für Sie, die Sie heute Abend dasitzen. Irgendwie ist es Urs Heller gelungen, etwas zu machen, das tatsächlich, und diesmal sage ich es ohne Ironie, angemessen für Aarau war.

Aber die Frage, wie er dieses Kunststück geschafft hat, ist noch nicht fertig beantwortet. Also weiter:
Urs Heller hat sofort den Kontakt zu den Kindern gesucht.

Die Arbeit, die er darauf verwendete, das Theater zu einem Ort für Kinder zu machen, zu einem für Kinder selbstverständlichen Ort, ist beeindruckend. Oft, wenn ich mich auf der Hauptbühne für eine Vorstellung einrichtete, kamen vom oberen Bühnenraum Kinder mit roten Wangen die Treppe heruntergestürmt, von einer der zahlreichen „schnitz & drunder“-Produktionen. Ein Drittel der ganzen Theaterarbeit richtete sich an die Kinder, und Urs Heller hat nie die Formel gebraucht von den Kindern als dem Theaterpublikum von morgen, das man sozusagen rechtzeitig an Kultur gewöhnen müsse, sondern er wollte immer Theater für die Kinder von heute machen. Neben all dem Schrott, den sie vorgesetzt bekommen, sagte er einmal, muss man ihnen etwas anderes zeigen. Keine heile Welt, sondern eine ehrliche Welt. Wenn man an die geringe mediale Aufmerksamkeit denkt, welche der Arbeit für Kinder generell zuteil wird, kann man vor diesem Kinderdrittel nur den Hut ziehen.

Und wie schafft man es, zwischen 150 und 170 Vorstellungen im Jahr zu veranstalten? Urs Heller hat sofort ein Team gebildet, und das spürte jeder, der dort vorbeikam. Er hat nicht auf Hierarchien gesetzt, sondern auf Zusammenarbeit, auf Gleichwertigkeit, auf gemeinsame Verantwortung. Er hatte keine Angst, einen starken Autor wie Guy Krneta in sein Team zu holen. Da läge ja durchaus ein Konkurrenz- und Konfliktpotential drin, aber er verstand es, das Ideenpotential zu mobilisieren und zu multiplizieren. Nie habe ich in seinem Umfeld das Wort „Mitbestimmungsmodell“ gehört, es exisitierte einfach. So bezogen z.B. alle im Team den gleichen Lohn, was man je nach Lesart als angewandten Sozialismus oder kulturelles Urchristentum bezeichnen kann. Urs Heller hat sich selbst immer als Co-Leiter bezeichnet, insofern zeichnet die Stadt Aarau heute auch alle seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus, die er in den zwölf Jahren seines Wirkens um sich geschart hat.        

Ein Team aber bildet sich nicht von selbst, und gerade wer ein Team bilden möchte, das diesen Namen verdient, ein Team, das eben nicht von persönlichen Rivalitäten geprägt ist, muss selbst eine Persönlichkeit sein, muss Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, aber auch Energie und Unbeirrbarkeit. Er muss wissen, was er will, damit er geschehen lassen kann, was geschehen soll. Er muss etwas so schwer Definierbares wie eine kreative Atmosphäre schaffen können.

Urs Heller hat nicht dort gewohnt, wo er gearbeitet hat. Er sei, habe ich von ihm gehöt, etwa 4000 mal im Zug von Wohlen nach Aarau gefahren, er muss also für die Kondukteure dieser Strecke eine bekannte Figur geworden sein. Was mochten sie sich denken, wenn sie ihn nicht gekannt haben? Zu welcher Arbeit fährt dieser Charakterkopf, der so nachdenklich zum Fenster hinausschaut, obwohl er die Strecke kennt? Der arbeitet beim Kanton, wird sich einer gedacht haben,vielleicht im Gewässerschutz, der ist wahrscheinlich Bibliothekar, ein anderer, oder: wenn er nach Brugg fahren würde, wäre er beim Bauernverband - oder was ist er, verflixt nochmal, Zeitungsredaktor, Seminarlehrer oder Glockengiesser?

Nichts von alledem trifft zu, Sie wissen es: Urs Heller ist Senn. Seit ich ihn kenne, geht er jeden Sommer drei Monate auf die Alp, um an die 130 Stück Vieh zu hüten, ich bin sicher, dass es ihm auch mit seinen Rindern gelingt, ein Team zu bilden, und er stellt sich wohl nicht als erstes die Frage, ob das zeitgemäss sei, was er da mache, sondern er macht es, weil er es machen will, und wer es fertigbringt, das zu machen, was er will, der bleibt immer bei sich selber und kann alles machen, Glocken giessen, Rinder hüten, die Gewässer schützen oder auch ein Theater leiten.

Lieber Urs, gestatte mir noch eine ganz persönliche Bemerkung.
Du hast vor über 20 Jahren, als das Schweizer Fernsehen meine Sendung mit dem „Dienstverweigerer“ nicht ausstrahlen wollte, in Wohlen zusammen mit ein paar Freunden einen öffentlichen Diskussions-Abend mit dieser Sendung veranstaltet und hast dafür an deinem Wohnort ebensoviel um die Ohren bekommen wie ich in der ganzen Deutschschweiz. Für so etwas brauche ich kein Archiv, das behalte ich im Kopf und im Herzen.
Ich gratuliere dir zu dieser Auszeichnung und hoffe, sie verhelfe dir zu möglichst viel kreativer Zeit, in der du das machen kannst, was du willst. 

Franz Hohler

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