Ansprachen Kulturpreisverleihung 2010/2011

Begrüssung und Überreichung des Kulturpreises durch Stadtammann Dr. Marcel Guignard

Sehr geehrte Kulturinteressierte, sehr geehrte Damen und Herren

Ich möchte Sie im Namen des Stadtrates und der Kulturpreiskommission herzlich zur sechsten Kulturpreis-Verleihung begrüssen. Es freut mich, dass eine derart grosse Anzahl Interessierte den Weg ins Kunsthaus gefunden haben, um mit uns den Kulturpreisträger 2010/2011, Marco Käppeli, zu feiern. Wie die einen oder anderen unter Ihnen vielleicht wissen, darf der Kulturpreisträger die Lokalität der Preisverleihung jeweils mitbestimmen. Dass wir heute hier im Kunsthaus sind, ist also kein Zufall, sondern ein Wunsch von Marco Käppeli. Obwohl er als Musiker selbstverständlich sehr auditiv veranlagt ist und sich selbst nicht unbedingt als visuellen Menschen bezeichnet, hält sich Marco Käppeli sehr gerne im Kunsthaus auf. Es ist ein Ort der Inspiration und der Ruhe, der ein Gegenpool zu seinem mit Klängen und Rhythmen erfüllten Leben darstellt. Heute erfüllen jedoch für einmal musikalische Klänge sowie Marco Käppelis Kompositionen das Kunsthaus.


Die Stadt Aarau ehrt Marco Käppeli sowohl für seine Beständigkeit, Qualität und für seine Identität als Jazzmusiker wie auch als Musiklehrer mit dem Kulturpreis 2010/2011.

Wie Sie sich sicher vorstellen können, ist die Konkurrenz, wenn es um die Auswahl der aktuellen Preisträgerin oder des aktuellen Preisträgers geht, in unserer Kulturstadt beachtlich. Ich möchte Ihnen anhand der drei Stichworte Töne – Takte –Tourneen aufzeigen, weshalb sich die Kulturpreiskommission für Marco Käppeli entschieden hat:

Töne:
Marco Käppelis Musik ist mehr als eine geordnete und hübsch klingende Aneinanderreihung von Tönen. Sie zeichnet sich durch individuelle Kombination mit überraschenden Resultaten aus, die nicht selten einen Bezug zur Folklore haben.

Takte:
Als Schlagzeuger gibt Marco Käppeli nicht einfach nur den Takt an. Er, der in diversen Formationen spielt – von denen wir später übrigens noch einen musikalischen Leckerbissen zu Ohren bekommen werden – gestaltet die Musik aktiv mit. Sehr gerne auch in der freien Improvisation. So liebt er es, sich mit dem Rhythmus auseinanderzusetzen, Zeitstrukturierungen zu studieren, Überlagerungen zu modulieren und die erzielten Effekte zu beobachten. Er produziert aber nicht nur selbst Töne und Takte, sondern gibt sie als Schlagzeuglehrer an der Neuen Kantonsschule auch seinen Schülerinnen und Schülern weiter und hat sicherlich schon den einen Jungmusiker oder die andere Jungmusikerin mit seinem von Improvisationen geprägtem Stil inspiriert.

Tourneen:
Immer wieder ist Marco Käppeli – unter anderem mit seinen eigenen Formationen – an verschiedensten Jazzfestivals im In- und Ausland aufgetreten und ist international auf Tournee gewesen: In den USA, in Südamerika, Belarus, Russland, China, Thailand und an vielen Orten mehr. Der Vollblutmusiker hat somit ein Stück Aarau in die grosse weite Welt getragen.Unter diesem Aspekt freut mich besonders, dass Marco Käppeli Aarau stets treu geblieben ist und dass er das kulturelle Leben sowie Aaraus landschaftlichen und urbanen Kostbarkeiten schätzt.

Lieber Marco Käppeli, ich hoffe, dass du dich in deiner Heimat noch ganz lange so wohl fühlst wie heute, und dass du uns Aarauerinnen und Aarauern noch mit ganz vielen innovativen und aussergewöhnlichen Projekten überraschen wirst. So wie wir es von dir gewohnt sind. Für dein weiteres Wirken und Schaffen in Aarau und der ganzen Welt, aber auch für dein Privatleben wünsche ich dir alles Gute, Gesundheit, viel Elan und vor allem viel Freude an deiner Tätigkeit. Als Zeichen unserer Anerkennung überreiche ich dir im Namen des Stadtrates und der Kommission den Kulturpreis 2010/2011. Herzlichen Dank!


Laudatio von Werner Bodinek und Omri Ziegele

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Marco Käppeli

Zu sprechen wäre von einem – ja von wem? – der auszog das Trommeln zu lernen wie andere vor ihm das Fürchten; der so vieles hinter sich liess, was die 60er Jahre verlautbarten und das schnöde Wirschaftswunderdenken: Trautes Heim, solide Lebensexistenz, Arbeiten ohne Ende und am Ende winkt der Batzen, das Geld, das man auf die Seite legt, damit man sich in Sicherheit wähnen kann vor Schrecklichkeiten, Anfälligkeiten, Monstrositäten und Nichts. Leben ist quasi umsonst zu haben, aber man frage ja nicht, wie es schmeckt!

Heute geht es um einen feinen Menschen. Einen liebenswürdigen, einen stillen Menschen. Er hat ein feines Ohr, die Felle vor der Nase und die Stöcke in den Händen. Primär ist das Schlagzeug sein zu Hause, sein Wohnzimmer. Dort zieht er seine Schuhe aus, und bewegt sich geschmeidig wie ein Tiger. Da sitzt er und schnurrt. Er scheint ständig auf der Lauer, entspannt konzentriert, zum Sprung bereit oder schnurrend zurückgelehnt, den Körper ausgestreckt und schmunzelnd in die Sonne blinzelnd. Achten Sie auf Ihre Ohren, wenn er mit seinen Krallen übers Fell fährt.

Wenn einer auszieht um mit zwei Stöcken die Luft zu zerschneiden, dann muss er es dicke gerochen haben. Was man zu tun hätte, wenn mal die Schonungswiese Schule ein Ende hat, dann muss er gemerkt haben, dass diese Luft, die sie einen atmen machen wollen so dick ist, dass einer wie er bald mal keine mehr davon bekäme.

Ein Schlagzeuger für eine andere Welt...

...er lässt sich auf vertrackteste Rhythmen...

...mögen auch wenige ihm folgen...

...auf banalste Pop-Linien ein...

...einmal an die Türe gepocht, gibt es kein Zurück...

...und wagt sich auch an brachialstes Spät-Punk-Getöse.

Es ist wie im Märchen; einer geht in den Zauberwald und weiss sich vor lauter Wunderlichkeiten nicht mehr zu retten;

Das musikalische Geschehen gestaltet er aktiv, inspiriert und einfühlsam mit. Heisse Grooves, flambierte Rhythmen, frisch zubereitet und scharf gewürzt, aus der Küche des Oberkochs persönlich. Scharf, bitter und süss...

...und der Lärm der Welt versiegt hinter den sieben Bäumen; er ist gerettet und verloren in einem –  kein Zurück mehr, nie mehr in die Behaglichkeit der Vielen...

Er ist ein wichtiger Schweizer Exponent des Schlagzeugs. Japan, Thailand, China, Südamerika, Australien und USA. Kasachstan, Weissrussland, Ukraine, also Belarus oder auch Deutschland.

So weit die Presse und der Funk und das Fernsehen.

Und die Schweiz? Ja, die Schweiz. Gern im Aargau, auch in Aarau. Sehr gern.

Aber Marco wollte nicht, machte nicht mit; kein lauter Brüller, kein so genannter 68er, der wild und offenen Schädels rumort und zetert und die Welt lieber heute schon in Trümmern sähe als morgen im fahlen Licht des ewigen Zustands – die Bravbeter sollen alle verrecken. Nein, so einer wie er ist lieber still, sagt keine Grobheiten, weiss auch nicht besser als die Anständigen, wie die Welt auszusehen hätte, wenn sie richtig sein sollte, aber der Märchenwald der Trommelstöcke

lässt ihn werden, wer er sein muss; er kommt nicht an, wie der laute rote Dani in der Welt; er kommt an in den Schwingungen der Lüfte, im Rauschen der Zweige, im Atemzug des schlafenden Riesen vielleicht.

Ihn zu hören ist sicher das Beste. An einem Konzert. Aber dann bitte ich Sie, hören Sie genau hin. Stellen Sie sich und ihre Ohren auf Empfang. Nicht mehr, nicht weniger. Er nimmt Sie mit auf verwegene Reisen. Vorwiegend ist er dann nicht der alleinige Reiseführer, er teilt den Job mit musikalisch gefitzten Komplizen oder Komplizinnen. Mit ihnen zusammen entführt er Sie auf eine andere Ebene von Realität.

Keine Ahnung wie es Ihnen dabei geht, aber bei mir heben sich mit bestimmter Musik Raum und Zeit auf. Ich verliere mich. Kennen Sie das?

Mit Marco Käppeli musikalisch unterwegs sein, ist ein bisschen gefährlich. Er teilt das Reiseziel nicht unbedingt mit. Kreditkarten haben auf einer Reise mit ihm keinen Wert. Vergessen Sie Ihre AHV-Nummer und Ihre zweite Säule. Genaue Abfahrts- und Ankunftszeiten gibt es nicht. Was es da zu hören gibt, kann Kuoni nie bieten. Was für ein Glück für die aufmerksam mitreisenden Zuhörer.

Er ist ein Scheuer, geht auf Indianersohlen durch die Unzimperlichkeiten der heutigen Zeit; pirscht sich an Triolen heran oder Accelerandi, lässt sich von Wirbeln umschmeicheln und wirft das Lasso locker gegen den Wind. Locker könnte ein vorbeibrausender Old Shatterhand ihn abknallen, zu wenig liegt ihm an Kämpfertum und Krieg. Hass kennt er nicht, der Immerfreundliche und würde die Welt in ein Trommelfest verwandeln, könnte er nur; die Schamanen und Voodootänzer, die Nächte voller Sirenen und Glückstaumel auf zittrigem Savannengras; dort könnte ich ihn mir vorstellen, mit dem Gewicht seines Ernstes, mit diesem raub katzensprungigen Willen alles in zerschnittene Zeit zu teilen; je kleiner die Abstände desto näher rückt das Unsägliche, die Ewigkeit ist nur noch einen Schritt entfernt; einer wie er muss es wissen; diese Zeit, für die meisten öd und tranig, ist für ihn ein Gebirge, ein Meeressturm, eine handvoll Blumen; was wissen wir Plattgedrückten noch davon, die keine Zeit mehr haben um von der Uhr aufzuschauen und nur noch stottern, wenn der Wind uns die Haare zerzaust. Marco, sag uns, wo die Rosen sind und die fallenden Blätter, geh mit uns zu Rilke und zur Gruft, in der das Neue sich gebiert;

Seltene Pflänzchen habe ich gesehen, kuriose Wege hatte ich unter den Füssen, ich wurde fallen gelassen, dann für eine kurze Weile getragen, in dunklen Räumen allein gelassen, wurde auf einen Achttausender ohne Sauerstoffmaske hochgejagt, Dort oben die Weite, die freie Sicht. Ruhe. Plötzlich ein Cocktail-Glas in der Hand. Süss und kühl. Liegend in einer Hängematte, Seile werden gekappt, ich schwebe davon, unter mir eine tosende See, sie werfen mir einen Anker zu - und sitze plötzlich im KiFF auf einer Langbank, das Bierfläschchen leer und warm in der Hand. Mir sind die Schnürsenkel aufgegangen. Vorbei? Schon? Leider.

Nein, er ist kein Schamane und das Wort Guru würde er ausspucken wie einen bitteren Kaugummi, würde es in seinen Mund gelangen; er ist auch einer von uns, ein prisoner of time, er würde sich niemals auf einen Sockel stellen wollen, sichtbar für alle Unzulänglichen und Glanzsuchenden. Er bleibt lieber unten, im Übungskeller ist es kühl und niemand schaut herein und sagt; „Guten Tag, müssten Sie sich nicht einen anderen Tag abhalten“, niemand kommt ihn eines besseren zu belehren, obwohl viele sicher insgeheim denken, der sollte doch mal richtig....,

Die Schuhe ausgezogen und in Socken sitzt er mit Stöpseln in den Ohren in seinem Refugium im Silo 2 beim KiFF am Schlagzeug.

Mit Stöpseln? Was hört einer, der so leise Schlagzeug spielt eigentlich noch? Ein schelmisches Lächeln als Antwort.

Hey man, ich betrete mein Schlagzeug in Socken! Nur in Socken.

Ich verstehe. Sich den Dingen leise nähern.

Er ist ein prisoner of time auf eine andere Art, nicht in den Krallen der zugespülten Tagesordungen, nicht in den Untiefen des gnadenlosen, einförmigen, breiigen Zeigertickens; sein Gefängnis ist nahe am Himmel gebaut; wenn der blaut, kann er bis zum Mars fliegen und den Mond sieht er, wenn wir die Börsenzahlen tauschen; er hat sich eine Rakete gebastelt aus lauter Achteln, Vierteln und Sechzehnteln; mit dieser Rakete ist er schneller weg, als jeder von uns zählen kann.

„Es ist sehr schwer, das Meer zu beschreiben“, meinte Cechov. "Wissen Sie“, sagte er zu seinem Freund Ivan Bunin“, welche Beschreibung des Meeres ich neulich in einem Schulheft gelesen habe? Das Meer war gross."

Marco Käppeli arbeitet in der Stille. Langsam. Tastend. Sorgfältig. Seine Art, das für ihn musikalisch Essentielle zu finden. Aber dann...

„Ich zähle nur noch bis ich tot bin“, sagte ich. Und lief gutbeinig in den Tag hinaus.

Marco lacht aus seinem Gefängnis, das durch den Himmel braust: „Die Sorgen sind frei, aber die Zeit ist ein wunderliches Ding, wenn Du nur hören magst, dann...“

Das Meer ist gross. Marco Käppelis Meer ist gross.

Aber dann war ich schon tot.

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